Die Illusion der nachhaltigen Mode: Warum weniger Produktion entscheidend ist
by Alex Fu
Die Modeindustrie produziert jedes Jahr rund 100 Milliarden Kleidungsstücke. Ein grosser Teil davon wird nie verkauft – oder nur kurz getragen, bevor er im Müll landet. Das Problem beginnt jedoch früher: nicht im Konsum, sondern in der Produktion selbst.
Überproduktion ist kein neues Thema. Häufig wird sie jedoch vor allem als Folge von Überkonsum diskutiert – also als Ergebnis individueller Kaufentscheidungen. Dieser Blick greift zu kurz. Denn er lässt ausser Acht, dass Überproduktion ein Teil des bestehenden Modesystems ist, das auf Wachstum, ständige Verfügbarkeit und immer neue Kollektionen ausgerichtet ist.
Was wir unter Überproduktion verstehen
Bei Fashion Revolution verstehen wir unter Überproduktion die Herstellung von mehr Kleidung und Textilien, als tatsächlich gebraucht wird – mit der Folge, dass Überschüsse entstehen, die entsorgt, zerstört oder ungenutzt bleiben. Die Mechanik dahinter ist kein Zufall, sondern systemisch angelegt. Mode lebt von Neuheit. Um Nachfrage konstant hoch zu halten, werden Kollektionen in immer kürzeren Abständen produziert. Gleichzeitig versuchen Unternehmen, jederzeit lieferfähig zu sein – auch wenn das bedeutet, mehr zu produzieren, als tatsächlich verkauft wird. Pufferproduktionen, Mindestbestellungen und Unsicherheiten in der Nachfrage führen dazu, dass Überschüsse bewusst einkalkuliert werden.
Aus Unternehmenssicht ist diese Logik nachvollziehbar: Wer zu wenig produziert, riskiert Umsatzeinbussen. Wer zu viel produziert, kann Überschüsse oft noch über Rabatte, Outlets oder andere Kanäle absetzen. Das Risiko ist also asymmetrisch verteilt – und begünstigt systematisch höhere Produktionsmengen. Fälle, die öffentlich werden, machen diese Logik sichtbar. So vernichtete der britische Luxuskonzern Burberry 2017 unverkaufte Waren im Wert von rund 28 Millionen Pfund – unter anderem, um Preisnachlässe und damit den Verlust von Markenwert zu vermeiden. Der öffentliche Aufschrei war gross. Das zugrunde liegende Prinzip ist jedoch in der Branche weit verbreitet.
Gleichzeitig bleibt das Ausmass der Produktion oft im Dunkeln. Laut Fashion Revolution geben lediglich 9 % der untersuchten Unternehmen ihre Produktionsmengen an. Von den wenigen Marken, die Zahlen offenlegen, stammen zusammen bereits mehrere Milliarden produzierte Kleidungsstücke.Was nicht gemessen wird, bleibt schwer zu verändern.
by Cottonbro
Folgen — lokal und global
Die ökologischen Auswirkungen sind gut dokumentiert: hoher Ressourcenverbrauch, steigende Emissionen und wachsende Abfallberge. Mit der zunehmenden Nutzung synthetischer Fasern wie Polyester steigen auch die Klimabelastungen weiter an, während die globale Zirkularität stagniert oder sogar rückläufig ist. Doch die Folgen gehen weiter.
Ein grosser Teil der Produktion findet im Globalen Süden statt. Dort konzentrieren sich auch viele der negativen Auswirkungen: Umweltbelastung, hoher Flächenverbrauch und oft prekäre Arbeitsbedingungen. Der Extraction Fashion Report beschreibt dieses System als einen ungleichen Austausch: Ressourcen, Land und Arbeitskraft werden im Globalen Süden beansprucht, während Konsum und Wertschöpfung im Globalen Norden stattfinden. Allein der Modekonsum der EU beanspruchte 2021 eine Landfläche in der Grössenordnung Grossbritanniens – überwiegend ausserhalb Europas.
Was als günstige Mode im Laden erscheint, basiert damit auf einem System, das ökologische und soziale Kosten systematisch verlagert. Auch ökonomisch zeigt sich eine Grenze: Viele Nachhaltigkeitsansätze – von Recycling über Materialinnovationen bis hin zu langlebigeren Produkten – bleiben begrenzt wirksam, solange das Produktionsvolumen weiter steigt. Fortschritte auf Produktebene werden durch steigende Mengen oft wieder aufgehoben.
Warum gängige Antworten nicht ausreichen
In den letzten Jahren hat die Branche zahlreiche Initiativen lanciert: nachhaltigere Materialien, Recyclingprogramme, Transparenzversprechen oder langlebigere Produkte. Diese Entwicklungen sind wichtige Schritte. Sie greifen jedoch zu kurz, wenn die Gesamtmenge der produzierten Kleidung weiter wächst.
Studien zeigen, dass langlebigere Produkte nicht automatisch zu weniger Konsum führen. Kleidung wird häufig ersetzt, bevor sie tatsächlich abgenutzt ist – nicht weil sie kaputt ist, sondern weil Neues verfügbar ist. Auch die globale Zirkularität bleibt niedrig. Laut Circularity Gap Report 2024 ist sie in den letzten Jahren sogar gesunken. Der What Fuels Fashion? Report von Fashion Revolution setzt hier an und macht sichtbar, was in vielen Nachhaltigkeitsstrategien fehlt: die Frage nach den Produktionsmengen selbst.
Ohne Transparenz darüber – und ohne Massnahmen, die Überproduktion wirtschaftlich unattraktiv machen – bleibt die grundlegende Dynamik unangetastet.
by Tom Fisk
Politik — wo Regulierungen ansetzen müssen
Die Bekämpfung von Überproduktion erfordert mehr als freiwillige Selbstverpflichtungen. Sie braucht strukturelle Veränderungen, die exzessive Produktion finanziell und operativ unattraktiv machen.
Instrumente wie die erweiterte Herstellerverantwortung (Extended Producer Responsibility, EPR) oder gezielte Produzentenverantwortung (Targeted Producer Responsibility, TPR) setzen genau hier an. Sie sollen Unternehmen für die ökologischen und sozialen Auswirkungen ihrer Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg stärker in die Pflicht nehmen – und damit Anreize schaffen, Produktionsmengen zu reduzieren. Gleichzeitig zeigen aktuelle Beispiele aus der EU, dass Regulierung auch unbeabsichtigte Effekte haben kann.
So verbietet das französische Anti-Waste-Gesetz die Vernichtung unverkaufter Waren. In der Praxis hat dies jedoch teilweise dazu geführt, dass überschüssige Kleidung verstärkt in Secondhand-Märkte oder Spendenkanäle umgeleitet wird – häufig verbunden mit steuerlichen Vorteilen für die Unternehmen. Das Produktionsvolumen selbst bleibt dabei unangetastet.
In Empfängerländern werden Märkte weiterhin mit überschüssiger Kleidung überschwemmt, lokale Wirtschaftskreisläufe geschwächt und Abfallsysteme zusätzlich belastet. Schätzungen zufolge gelangen wöchentlich Millionen gebrauchter Kleidungsstücke nach Ghana und überfordern dort bestehende Strukturen. Damit Regulierung wirksam wird, muss sie deshalb breiter ansetzen – bei Transparenz, Produktionsmengen und den wirtschaftlichen Anreizen entlang der gesamten Lieferkette.
Lösungsansätze — jenseits von mehr Produktion
Auch auf Unternehmensseite stellt sich eine grundlegende Frage: Wie kann Wertschöpfung entstehen, ohne kontinuierlich neue Produkte in den Markt zu bringen?
Ansätze dafür existieren bereits – etwa Reparaturservices, Mietmodelle oder Secondhand-Plattformen. Sie bleiben jedoch oft Ergänzungen zu einem Geschäftsmodell, das weiterhin auf steigende Verkaufszahlen ausgerichtet ist. Eine echte Veränderung würde bedeuten, die Produktion neu zu denken – und in vielen Fällen auch zu reduzieren.
Auf Branchenebene könnten mehr Transparenz, bessere Planungsprozesse und veränderte Einkaufspraktiken dazu beitragen, die Überproduktion zu verringern. Individuelle Konsumentscheidungen spielen eine Rolle – lösen das Problem jedoch nicht allein. Ebenso wichtig ist die Rolle von Konsument:innen als Bürger:innen: durch politische Teilhabe, öffentliche Debatten und Erwartungen an Unternehmen.
Die Diskussion über nachhaltige Mode konzentriert sich oft darauf, wie Kleidung produziert wird. Wir müssen uns aber auch fragen: Wie viel wird überhaupt produziert? Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, wird nachhaltige Mode an ihre Grenzen stossen.
The Analysis of the EU Textile Strategy
The Circularity Gap Report 2024