Myth Busting: Was wirklich hinter Second Hand steckt
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Bewusste Alltagsentscheidungen fangen da an, wo wir erkennen, dass unser Konsum nicht isoliert stattfindet. So wie wir bei Lebensmitteln darauf achten, was unserem Körper gut tut, sollten wir auch bei Textilien hinsehen. Nachhaltiger und bewusster Konsum ist kein Verzicht, sondern ein direkter Gewinn für unsere persönliche Gesundheit und die Umwelt.
Genau deshalb ist der Griff zu Secondhand-Mode oft eine der besten Entscheidungen, die wir treffen können. Doch rund um das Thema Secondhand halten sich hartnäckig einige Vorurteile. Daher haben wir mit Maria Gasieniec, gesprochen, um da mal genauer hinzusehen!
Liebe Maria, stelle dich doch mal kurz ein bisschen vor…
Ich bin Maria, ich mag es, einkaufen zu gehen – Lebensmittel genauso wie Mode. Seit über 15 Jahren arbeite ich im Marketing und mir ist zunehmend bewusst geworden, dass ich nicht einfach nur für irgendein Produkt werben möchte, sondern dass es mit meinen Werten übereinstimmen sollte. Seit 2022 arbeite ich im Marketing-Team von OEKO-TEX®. Dabei habe ich sehr viel über die Textilindustrie gelernt, wodurch sich meine Art, einkaufen zu gehen, nochmals verändert hat.
Als Gesundheitsstrategin verbinde ich die Themen Ernährung und Mode miteinander, da beide mit der Gesundheit zusammenhängen – nicht nur mit unserer eigenen, sondern auch mit der der Umwelt, anderer Menschen und der Biodiversität.
SECOND HAND MYTH BUSTING!
Mythos 1: Secondhand ist unhygienisch…
Hand aufs Herz: Ist die Hygiene-Sorge bei Secondhand begründet?
Meiner Erfahrung nach nein. Dennoch höre ich immer noch oft, dass Kleidung in Secondhand-Läden seltsam riecht, dass sie muffig ist und nicht gewaschen wurde.
Warum diese Sorge in den meisten Fällen unbegründet ist: Secondhand-Läden sind oft privat geführte Geschäfte, und die Menschen dahinter betreiben sie aus Leidenschaft. Sie wählen die Artikel selbst aus, und jedes Stück wird auf Qualität, Zustand und Gebrauchsspuren geprüft. Viele arbeiten zudem auf Kommissionsbasis, was bedeutet, dass Menschen wie du und ich ihre Kleidung zum Verkauf abgeben können. Der Beschaffungsprozess ist sehr persönlich; die Ladenbesitzer kümmern sich um die Artikel. Oft werden sie gereinigt, gedämpft, angepasst oder beispielsweise leicht repariert, damit sie im Laden optimal zur Geltung kommen.
Das ist viel persönlicher und hygienischer als beispielsweise in einem Laden einer grossen Modemarke, wo die Artikel oft einen sehr langen Weg zurückgelegt haben und lange gelagert wurden. Häufig werden Chemikalien zur Behandlung der Kleidung eingesetzt, um beispielsweise zu verhindern, dass sie während des Transports schimmelt oder feucht wird. Hinzu kommt der Staub, der sich durch die lange Lagerung oder die Zeit in den Verkaufsregalen im Stoff festgesetzt hat, sowie die Chemikalien, die beim Färben verwendet wurden. Aus diesen Gründen riechen Kleidungsstücke in Fast-Fashion-Läden oft seltsam.
Mein Tipp dazu: Wasche jedes gekaufte Kleidungsstück, das direkten Kontakt mit deiner Haut hat (insbesondere Unterwäsche), bevor du es zum ersten Mal trägst.
Mythos 2: Da findet man nur alte oder abgetragene Sachen…
Viele erwarten bei Gebrauchtware abgetragene Fast-Fashion. Wie findet man stattdessen echte Lieblingsstücke mit Qualität?
In vielen Secondhands gibt es tatsächlich Fast-Fashion, weil das ein grosser Teil der Kleidung ist, die viele kaufen – und daher weitergeben. Es heisst aber noch lange nicht, dass die Sachen abgetragen sind und gebraucht aussehen.
Im Durchschnitt besitzen wir alle mehr Kleidung, als wir brauchen, und tragen nur einen relativ kleinen Teil unserer Garderobe regelmässig. Viele Teile, die in den Secondhand-Läden landen, sind die Kleidungsstücke, die nur sehr selten getragen wurden.
Dies gilt insbesondere für Designermode, vor allem in High-Fashion-Secondhand-Läden, die sich auf Designerkleidung spezialisiert haben. Wenn du ein Lieblingsstück mit Qualität finden möchtest, empfehle ich dir, Secondhands aufzusuchen, die Vintage-Kleidung verkaufen, d.h. Kleidung, die älter ist als 20 Jahre. In der Vergangenheit wurde global gesehen weniger Kleidung produziert und die Qualität von den Stoffen und der Verarbeitung war pauschal besser und mit Langlebigkeit als Ziel produziert, nicht wie Fast Fashion heute (werfe mal einen Blick in den Schrank deiner Grosseltern, um zu sehen, was sich da versteckt).
Mein Tipp, um Vintage Kleidung zu erkennen: Oft lohnt sich ein Blick auf das Etikett beim Kragen oder auf der Innenseite des Stücks. Vintage erkennst du oft daran, dass das Design des Etiketts altmodisch aussieht. Du kannst auch immer die Ladenbesitzer:in nach dem Stück fragen, das dich interessiert.
Woran erkennt man beim Stöbern echte Textilqualität, die lange hält?
Was ich selbst als Qualitätscheck auch immer mache, ist, die Innenseite des Kleidungsstücks anzuschauen, ob die Nähte richtig verarbeitet wurden, ob es keine herausgezogenen Fäden gibt (früher hat es meine Mama immer gemacht, wenn sie mit mir einkaufen gegangen ist… ich habe mich damals so dafür geschämt, weil ich das Gefühl hatte, alle schauen… und jetzt mache ich es selbst). Bei Blusen, T-Shirts, Röcken oder Kleidern lohnt es sich auch, das Stück im Tageslicht gegen das Licht zu halten, um die Stoffstruktur und die Webqualität zu prüfen, ob sie gleichmässig und dicht ist.
Zusätzlich überprüfe ich auch immer, ob die Knöpfe richtig sitzen, ob der Reissverschluss gut funktioniert und wie die Knopflöcher genäht wurden. Bei Vintage-Kleidung ist für mich die Tatsache, dass sie 20, 30 oder mehr Jahre nach der Produktion immer noch top aussehen, alleine schon ein Zeichen für echte Qualität, die lange hält.
Mythos 3: Secondhand ist nur etwas für Leute, die sich nichts Neues leisten können…
Warum gilt Gebrauchtware bei vielen immer noch als Zeichen der Bedürftigkeit, obwohl es eigentlich ein Zeichen von Stil und Bewusstsein ist?
Meiner Meinung nach hat der Gang zum Secondhand nichts mit dem Status einer Person zu tun. Diese Erkenntnis ist bei mir aber auch erst mit der Zeit gekommen. Wir bringen Secondhands leider immer noch oft mit Armut in Verbindung, weil wir an Kleiderspenden und Charity Shops denken. Es kann aber auch kulturell bedingt sein, z.B. wenn man aus einem Land oder Umfeld kommt, wo Secondhand z.B. mit einem minderwertigen Status verknüpft wird. Als ich Teenager war, musste ich immer wieder Sachen aus dem Secondhand tragen, weil sich meine Eltern keine neue Kleidung für mich und meinen Bruder leisten konnten. Ich habe mich damals geschämt, dass ich nicht immer neue Sachen haben konnte, und als ich dann mein eigenes Geld verdient hatte, hatte ich die Secondhands zuerst lange gemieden.
Aber Second Hand mit “sich nichts neues leisten können” zu verbinden ist falsch. Das ist mir aber erst mit der Zeit wirklich bewusst geworden, als ich mehr über die Auswirkungen der Textilproduktion auf die Umwelt, die Ressourcen und die Menschen, die in den Fabriken arbeiten, erfahren habe – und darüber, dass neue Kleidung einen größeren CO₂-Fußabdruck mit sich bringt. Es gibt ja auch Secondhands, wo man schnell mal 700.- für eine Vintage-Versace-Bluse oder 1400.- für eine Vintage-Hermès-Jacke aus den 80ern ausgeben kann.
Für mich ist der Gang zum Secondhand jetzt ein Zeichen für bewussten Konsum, für Kreativität, für Lust, Neues zu entdecken. Es ist auch ein Zeichen der Individualität und Ausdruck des persönlichen Stils – weil man in den Secondhands nicht die üblichen Sachen findet, die die Mehrheit auf der Strasse trägt. Man kann den eigenen Stil kreieren und unique pieces finden, die nicht die halbe Stadt besitzt, weil sie gerade in einer neuen Kollektion einer grossen Modekette im Sortiment sind.
Mythos 4: Secondhand-Shopping ist anstrengend und man findet selten was…
Was sagst du Leuten, die genervt aufgeben, weil sie nach fünf Minuten suchen nichts Passendes finden?
Also nach 5 Minuten finde ich auch in einem «normalen» Store nichts, wozu ich sofort «ja» sage 🙂
Was ich klar sagen möchte: Das Einkaufserlebnis im Secondhand kann nicht mit Onlineshopping oder dem Besuch in einem grossen Fast-Fashion Store verglichen werden. Dadurch, dass es in solchen Stores so viel Auswahl gibt, haben wir uns als Konsument:innen daran gewöhnt, dass es normal ist, schnell zu shoppen, und dass alles immer in jeder Variante verfügbar ist. Wer mit dieser Erwartung in einen Secondhand geht, wird leider enttäuscht und bekommt den Eindruck, dass Secondhand-Shopping anstrengend ist.
Secondhand braucht eine andere Einstellung: Entschleunigung & die Offenheit, Neues zu entdecken. Secondhand ist kein Ort für schnelles Shoppen, sondern vielmehr eine Verlangsamung, um achtsam die Sachen wahrzunehmen, die bereits da sind.
Wie kann man ohne Überforderung gezielt Schätze entdecken?
Hier empfehle ich die Vorbereitung im Voraus: Informiere dich vorher online & recherchiere, welche Secondhands es in deiner Stadt gibt. Du kannst die Fotos auf Google Maps anschauen oder die Webseite & Social Media des Secondhands besuchen, um dir einen Überblick zu verschaffen, ob die Kleidung deinem persönlichen Stil entspricht.
Ich empfehle es auch, mit der Ladenbesitzer:in zu sprechen und gleich zu fragen, ob das, wonach du suchst, da ist. Oft kennen die Besitzer ihre Kleidung sehr gut und können dir Stücke empfehlen. Das Einkaufserlebnis wird dadurch sehr persönlich, fast wie private Shopping, das mag ich persönlich sehr.
Es gibt sehr viele curated Secondhands, die sich auf einen Stil fokussieren - wenn du das weisst, kannst du sie immer wieder besuchen und wirst deine neuen Lieblingsläden entdecken.
Zu guter Letzt…
Was hat sich in deinem eigenen Shop-Verhalten verändert, seit du bei OEKO-TEX® arbeitest?
Seit ich bei OEKO-TEX® arbeite, ist mir deutlich bewusst geworden, wie viele Ressourcen eigentlich nötig sind, um ein Kleidungsstück herzustellen, und wie viele Prozessschritte dafür benötigt werden. Allein ein einfaches, weisses T-Shirt muss mehrere Produktionsschritte von der Rohfaser bis zum fertigen Produkt durchlaufen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht, ob es richtig ist, so oft shoppen zu gehen, wie ich es vorher gemacht habe.
Ich kaufe jetzt weniger Kleidungsstücke und überprüfe auch die Informationen der Brands sehr genau. Wenn ich auf Social Media tolle Kleidung sehe, aber im Onlineshop der Marke keine Informationen über die Herstellung oder Lieferkette finde, ist das für mich ein Kriterium gegen den Kauf & ich verlasse den Onlineshop wieder ganz schnell.
Durch meine Arbeit bei OEKO-TEX® habe ich auch verstanden, wie schädlich unsere Kleidung für die Gesundheit sein kann - durch Farbstoffe, Konservierungsstoffe und generell die Chemikalien, die in jedem Produktionsschritt verwendet werden. Deshalb achte ich jetzt beim Kauf von neuer Kleidung darauf, ob diese Zertifizierungen aufweist, um sicher zu sein, dass sie auf Schadstoffe geprüft wurde und für meine Gesundheit sicher ist.
Welchen Tipp gibst du Skeptikern mit, die Secondhand doch noch eine Chance geben wollen?
Mein Tipp ist: Hol dir Unterstützung. Frag in deinem Freundeskreis, ob dir jemand Secondhands empfehlen kann, sprich mit deinen Kolleg:innen, recherchiere nach Orten, die bereits von anderen empfohlen werden und die zu deinem persönlichen Stil passen.
Frag deine Freunde auch, ob ihr gemeinsam ein paar Orte besuchen könnt. Mit der Begleitung einer Person, die sich auskennt, macht es viel mehr Spass. Und falls es in deinem Umfeld niemanden gibt und du in Zürich oder in der Nähe bist, lade ich dich herzlich dazu ein, mit mir auf eine geführte Tour durch die Secondhands zu gehen. Es gibt so viele schöne Orte & ich möchte, dass du diese tolle Welt auch für dich entdeckst.